Shredder Einlauf #6: Weihnachten

 

shreddermag_shredder einlauf_logoSo liebe Kinder,

 

passend zur „Stillen Zeit“, widmen wir uns dem Mythos des Christkindes. Ihr denkt wohl immer noch, dass dieses Wesen schneeweiße Nachthemden trägt, einen halben Meter über dem Boden von Kinderzimmer zu Kinderzimmer schwebt, nur um nebenbei einen großen Haufen Geschenke unter’m Weihnachtsbaum zu deponieren. Doch weit gefehlt, diese Version ist feinste christliche Propaganda und von der Wahrheit weit entfernt! Das Shredder Mag bringt wieder mal die ganze Wahrheit ans Tageslicht und zeigt Euch, wie’s wirklich abläuft an Weihnachten. Erfreut Euch nun an der original Weihnachtsgeschichte mit original Christkind:

 

Weihnachten 2004 in München/Giesing: Wir befinden uns in einer schimmligen Altbauwohnung in der Nähe des 60er Stadions. In den Ecken stapeln sich, umringt von Adelskrone Plastikflaschen, diverse Pizzakartons mit der Aufschrift „Mexiko“, prall gefüllte Bio-Müllbeutel und hoffnungslos überfüllte Aschenbecher. Die verrauchte Luft, die unmotiviert blinkende Lichterkette am Fenster und die vergilbte Dartscheibe vermitteln ein authentisches Stüberl-Flair, wie´s im „Sowieso“ oder in „Berta´s Steheck“ nicht besser sein könnte.

 

Durch die schlecht schliessenden und immer geschlossenen Jalousien kämpfen sich vereinzelte Sonnenstrahlen, wir folgen ihnen ins Schlafzimmer, in dem wir eine unansehnliche Person, bekleidet mit an der Seite schnürbarer Lederhose und mit nacktem Oberkörper in Segmüllers „Young Living“ Bettenparadies erkennen können. Wie ein Zitteraal beim Balzverhalten krallt es sich in die ockerfarbene Bettwäsche „Wyoming“ und stößt in regelmäßigen Abständen einen gequälten Seufzer aus, gefolgt von unscheinbar leisen Fürzen, die, wie jeder weiß, atomar stinken.

 

Aus der eindeutigen Zusammensetzung dieses Duftes kann man schnell schließen: da war gestern wohl Bier im Spiel: Prost! Das schmerzverzerrte Gesicht und die dunkelbraunen Cowboy-Stiefel, die immer noch an den Füssen weilen, weisen ebenfalls auf einen Rausch hin, der erstmal ausgeschlafen werden muss. Leider aber wird die scheinbare Ruhe plötzlich jäh durch ein Handy mittels Yamba!-Rattensound aus dem zerknüllten Seidenblouson unterm Schreibtisch verdrängt: „Ratttttt, Rattttt, Rattttt!“, doch keine Regung ist zu vernehmen. Dank der fabelhaften Einstellung „Ansteigender Rufton“ im Samsung „Schwuletto“ erreicht der Lärmpegel binnen kürzester Zeit die Durchschlagskraft eines mittelgroßen Manowar-Konzertes und unser Bierfreund öffnet langsam ein Auge: starre Junkie-Pupillen vermitteln der Eindruck, er habe die Situation nicht wirklich verstanden. Nach regungslosen 5 Minuten scheint die Murmel im Hirn endlich ins Loch gefallen zu sein und unser Held wankt mit unsicheren, Flamingo-artigen Schritten in Richtung des kreischenden Taschentelefons. „Jaaahhhh… haallo?“, scheppert es aus seinem Reval-filterlos-geshredderten Rachen. „Klick…“. „Aufgelegt…verdammt.“ Die verbleibende Nummer auf dem Display signalisierte ihm den verpassten Anruf seines Vaters: Josef. „Was will denn der Alte schon wieder?“, grübelte er. Doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen „Heute ist Weihnachten, verdammt!“ Jedes Jahr das gleiche Spiel: das ganze Jahr über gibt es nichts zu tun und dann, an dem einen mickrigen Tag, wo es drauf ankommt, liegt das Christkind mit einem Mordskater im Bett…

 

So langsam kam ihm wieder die Erinnerung. Zehn oder elf Jahre muss es her sein. Er saß damals in „Benno’s gemütlichen Eck“ und trank das siebte Herrengedeck, als sein bis dato nicht besonders glamouröses Leben eine überraschende Wendung nahm. Seit 5 Jahren war er arbeitslos (seinen Job als Maschinenschlosser verlor er, weil er einem Kollegen während der Arbeit im Rausch eine Hydraulikfräse auf den Fuß fallen lies und diesen zerquetschte). Sein Alltag bestand seit dem weitgehend aus Stüberlbesuchen, wo er das karge Arbeitslosengeld in alkoholische Getränke investierte. An diesem einen Abend – es kam gerade „Wind of Change“, sein Lieblingslied von den Scorpions – setzte sich ein grauhaariger Penner neben ihm, der sich ihm als Gott vorstellte und unterbreitete ihm ein Angebot, das abzuschlagen, ihm schwer fiel: 236,40 EUR (natürlich schwarz) sollte er monatlich erhalten und das einzige was er dafür tun musste, war einmal im Jahr (an Weihnachten nämlich) die Geschenke verteilen und ab und an Petrus zum Einschlafen eine Geschichte vorlesen. 236,40 EUR – das waren in seinem Stamm-Stüberl 98,5 Weißbier, 103,4 Boonekamp oder 60 Toast „Hawaii“! Er nahm an.

 

Als er bereits beim ersten Weihnachten merkte, daß der Job doch nicht so einfach war, und ihn darauf sofort hinschmeißen wollte (wie er das schon immer bei der ersten kleinen Schwierigkeit zu tun gewöhnt war), machte er die unerquickliche Bekanntschaft mit der göttlichen Rechtsabteilung, die ihm einen Vertrag auf Lebenszeit unter die Augen hielt, den er scheinbar im Suff unterschrieben hatte, und ihn daraufhin- nur um zu unterstreichen, dass man es ernst meinte – herzhaft zusammenschlug. Seitdem war es jedes Jahr die selbe Tragödie, denn er war von nun an das Christkind und trug die alleinige Verantwortung für die Auslieferung der Geschenke.

 

Doch nun weiter mit der Geschichte: Unser Christkind setzt sich mit seinem unsicheren Flamingo-Restalkohol-Gang in Richtung Klo in Bewegung, kommt aber bereits nach 2 Metern wieder zum stehen, weil er sich mit dem Fuss in einem Kleiderberg verheddert hat und fast auf’s Maul fällt. Sein Blick hingegen fällt in den Flur und damit auf die große eBay-Geschenkelieferung von vor 2 Wochen, die heute zu verteilen ist. Massenhaft Playstations, „Pelle Pelle“-Stirnbänder, Handyzubehör, DVDs, Drogen und WWF-Kalender stapeln sich dort. Im Kofferraum seines VW Scirocco warten weitere Kartons und die Rückbank ist ebenfalls vollgestopft. Ein „Scheisse“ entfährt ihm und ihm dämmert langsam, wie es auch dieses Jahr dazu gekommen war, dass er wieder alle Arbeit auf die letzte Sekunde schieben muss. Alles fing gestern ganz harmlos im „Prellbock“ an…

 

Er wollte sich eigentlich nur „auf ein Bier“ (ja ja…) mit seinem Grundschulfreund Recht Knuprecht treffen, doch daraus wurde nichts und aus einem Bier wurden 5, die Schnäpse nicht mitgerechnet. Leicht angetrunken und ohne große Widerrede setzte Recht seine Idee, noch spontan auf´s „Gerethereth“-Konzert (eine Epic-Metal-Band aus der Nähe von Rosenheim) in die Elser-Halle zu gehen, durch. Gesagt getan. Die S-Bahn-Haltestelle Ostbahnhof stellte den Wendepunkt in der Geschichte des Abends dar, denn das Christkind, nennen wir es der Einfachheit halber mal „Chris“, ist dank Zwischenbier im „Karacho“, einer Flasche Weg-Apfelkorn und gutem Fasanengarten-Home-Grown nicht mehr richtig aufnahmefähig. Das Erinnerungsvermögen ist ab diesem Zeitpunkt höchst angeschlagen und existiert nur noch als allseits bekannte „Diashow“ im Kopf. So ähnlich könnte der restliche Abend verlaufen sein: Eintritt 14 Euro. Bier. Vorband beschissen, nochmal Bier. Hauptband, einfach nur genial! Deswegen Bier. Extrem-Rotorbangen. Schwindlig. Bier. Konzert aus. Tankstelle. Ramazotti! Bier. Carazza. Heimweg. Nachtbus vollkotzen. Aus.

 

Doch damit nicht genug, beim Rotorbangen muss wohl die Halskette, an der sein Autoschlüssel hing, gerissen sein, denn auf seiner spärlich behaarten Hühnerbrust verbreitete sich gähnende Leere. Eine gekonnt rasante Handbewegung unter sein ärmelloses Poison-Longsleeve bestätigt seine Vermutung: der Schlüssel ist weg! Jetzt muss sofort ein Masterplan her, sonst gehen, so wie´s letztes Jahr beinahe passierte, die Hälfte aller Kinder an Weihnachten leer aus und erneuter Besuch der göttlichen Rechtsabteilung (beim letzten Mal konnte er erst nach 12 Tagen wieder ohne Schmerzen sitzen) steht ins Haus.

 

In dieser Situation scheint die letzte Rettung Hr. Habermann, der Kunstpark-Hausmeister, zu sein, den er noch vom Zivildienst im Babylon kannte. So manches verloren gegangene Accessoire vom Vorabend tauchte wie von Geisterhand in seiner Schlamperkiste wieder auf und sorgte für große Erleichterung bei zahlreichen im-Rausch-Sachen-Verlierern. Da rennt er auch schon los, der Chris. An diesem Punkt spulen wir in der Geschichte vor und blenden an folgendem Punkt wieder ein: nach illegalem Einsteigen in die Schlamperkisten-Area und erfolgreichem Schlüsselfund (dank blinkendem Nazareth-Logo an der Halskette) stolpert unser Heiliger über schlecht positioniertes Altglas und ruft damit Wachhund Agnes auf den Plan. Die von Hormonen überschäumende Hackfleisch-Bulldogge lässt sich dieses Schnäppchen natürlich nicht entgehen und verwandelt mit gezieltem Biss Chris‘ Slayer-Waden-Tattoo in den aktuellen Linienplan der 27er Tram. Blutüberströmt und mit keifendem Köter am Beim, entfernt er sich zügig aus dem Kunstpark, in Richtung Harlachinger Krankenhaus.
Unterwegs kann er den Hund per Grundsatzdiskussion davon überzeugen, loszulassen, denn als Christkind „hat man ja ’nen Job zu machen“. Falls das jetzt dem einen oder anderen Leser seltsam vorkommen sollte, nicht wundern, unser Protagonist beherrscht die Hundesprache perfekt. Im Harlachinger Krankenhaus angekommen, wird Chris´ Krankenversicherungs-Karte der „12 Apostel“ erst belächelt, schließlich doch akzeptiert und so geht es einen Steinwurf von der Notaufnahme entfernt, direkt auf den OP-Tisch. OP-Schwester S druckst erst ein bisschen herum, bis sie die Schreckensnachricht über ihre Lippen bringt: „Dein Tattoo können wir höchstens nur noch in Form von Sylt wieder zusammenflicken… viel schlimmer ist aber, dass die Valium-Junkies von Station 3c den Narkose-Schrank geplündert haben… Da es sich hier aber um einen Notfall handelt, bieten wir, auch für Kassenpatienten, kostenlos die „Delirium by Jägermeister“-Methode an.“ In dieser Disziplin ist er ja gut, der Chris. Bereitwillig setzt er besagte Flasche an, den Rest könnt Ihr Euch denken. 3 Promille und 1 Operation später steht Chris benebelt auf der Strasse.

 

Jetzt aber schnell zum VW Scirocco und die Geschenke verteilen! Doch soweit kommt´s nicht: Beim nächsten Dönerstand gibt´s auf diese OP erstmal das Tagesmenü (incl. 0,3l Uludag), welches in drei Bissen vernichtet wird, dem übrig gebliebenen Narkose-Rausch aber in keinster Weise entgegenwirkt: Der abschließende Jägermeister-injected Rülps schwängert die Luft mit dem Promillewert, den wahrscheinlich nicht einmal die gesamte F.C. Bayern-Südkurve an Sylvester um Punkt 12 zusammenbringt…

 

Am Auto angekommen legt Chris erst das Alice Cooper Tape, dann der Rückwärtsgang ein. Falsche Reihenfolge! Denn laute Musik + Rückwärtsgang + besoffen = grober Unfug. Und da haben wir auch schon den Salat: mit gehörig Schmackes bumst er amateurhaft dem hinter ihm geparktem Ford Ka in die Front. Zum Glück fährt just in dem Moment ein voll beladenes bayrisches Six Pack vorbei, welches ohne mit der Wimper zu zucken den Blinker setzt und neben dem Haufen Blech anhält. Ein kleiner schnauzbärtiger Beamter lehnt exakt 5 sec. später, samt dauergewellten Plastik-Blondine, an seinem Fenster.

 

„Den Führerschein ham´s wohl im Lotto gewonnen, oder? Haha! Steingen´s bittschön aus und zeigen´s mir ihre Papiere.“ schallt es aus dem Gesetzesrachen. „Auch das noch…“ brummt Chris in sich hinein. Um der bevorstehenden Misäre zu entkommen, hilft nur noch ein verbaler Frontalangriff, der (so denkt Chris) völlig überzeugend rüberkommt: „Also jetzt erstmal halblang! Ich bin immerhin das Christkind und was fällt ihnen eigentlich…“. „Blasen! Und zwar sofort! Bei der Fahne… schämen sie sich nicht?“ kontert das Schnauzergesicht. Kleinlaut nimmt Chris dem Blasebalg entgegen. An dieser Stelle zahlt sich wieder mal die langjährige Erfahrung im „betrunken nach Hause fahren und blasen“ aus, denn die Mischung aus dem noch schnell in den Mund geschobenen Fishermans Friend, einem Atom-Rülps und (generell) starken Döner-Mundgeruch lassen den Wert auf göttliche 0,38 Promille sacken. Verdutzt, nein, dass ist das falsche Wort, saublöd schauen sich die Gesetzeshüter an und zucken mit den Schultern. „Nun gut.. äh… des passt scho. Aber des nächste Mal sind’s dran.“

 

Daraufhin gibt Frollein Blond auch noch ihren Senf zum Besten: „Was haben sie eigentlich vorhin mit Christkind g’moant? Wissen´s, mein Sohn, der Gernot, wünscht sich doch schon seit langem die Chris De Burgh „Innocent Dreams“-Fanbox und da wollt ich fragen ob sie nicht vielleicht billiger…“. AAHHHHHHH! Ersparen wir uns diese Schmach. Nach aufgenommenen Personalien und ausgefülltem, 12-seitigem Unfallsprotokoll, setzt Chris, leicht lediert, seine Reise fort. Daheim angekommen entwirft er den Routenplan: die gesamte Innenstadt, plus Wolfratshausen, Dachau, Germering, Markt Schwaben und Oberschleissheim stehen auf dem Plan. „Das sollte in 5 Stunden zu schaffen sein.“ Zur Unterstützung wird der mittlerweile aus dem Koma erwachte Recht Knuprecht, der langjährig als UPS-Fahrer tätig war, engagiert. Dank ihm und Kenwood-Navi, entwickelt sich diese Geschenkeauslieferung doch noch zum Besten. In guter alter „Paper-Boy“ Manier wird einfach an den entsprechenden Häusern vorbeigefahren und die Geschenke im hohen Bogen aus dem Fenster hinaus katapultiert. Man glaubt es kaum, am Ende sind alle Geschenke ausgeliefert und Chris lässt sich, nach dem er seinen Gehilfen im „Zum Zum“ abliefert, zufrieden auf seine Couch fallen. „So ein Scheisstag… nur Deppen unterwegs.“ Doch zu früh gefreut: der anfangs erwähnte, grauhaarige Penner, steht mit zornigem Gesicht in der Tür.

 

Verwundert stammelt Chris: „Äh… hi.“ Daraufhin legt er sein Sonntagsgrinsen auf, faltet er seine Hände zu zwei Pistolen, „schiesst“ in die Luft und versucht die angespannte Stimmung durch folgende Sprüche zu lockern : „Na, alles cool am Swimmingpool? Äh… alles Roger im Kambodscha? Alles lässig in Jurassic…“ Wer hättes es gedacht, der Watschenbaum fällt um und Gott schleift Chris mit blutiger Nase zu seinem VW Scirocco. Jetzt fällt ihm dieses seltsame Etwas, dass unschuldig unter dem Beifahrersitz hervorblitzt, auf. Wir wissen alle, was das heisst: Mission fehlgeschlagen! Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das komische Ding als die liebevoll, in Plastikfolie eingepackte, Chris De Burgh „Innocent Dreams“-Fanbox. Oh jeh, die göttliche Rechtsabteilung wartet…

 

Und während wir aus der Ferne noch vereinzelte Schreie vernehmen können, verabschiedet sich das Shredder Mag an dieser Stelle und wünscht allen, wenn auch einige Tage verspätet: Frohe Weihnachten!