Shredder-Einlauf #4: Shredder Mag geht einkaufen!

 

shreddermag_shredder einlauf_logoWollte man in der Urzeit an benötigte Waren kommen, musste man entweder jagen und sammeln oder schwer das Basteln anfangen. In unserer heutigen Welt ist das anders organisiert: Supermärkte bieten alles feil, was man so für’s Leben braucht. Das einzige was man tun muss, ist einkaufen zu gehen, was zwar um einiges ungefährlicher, aber nur wenig vergnüglicher ist, als einem stinkenden Mammut hinterher zu rennen. Was genau das Unangenehme an einem solchen Einkauf ist, soll das folgende Beispiel zeigen. Wir betreten also einen Supermarkt.

 

Das erste, was unsere Aufmerksamkeit weckt, ist die Musik. Ihr wisst schon, diese elendige Scheissmusik, die es immer in Supermärkten zu hören gibt. Ich hasse Meat Loaf und Gershwin ist ein Arschloch! Ich möchte gefälligst zu Slayer einkaufen gehen, aber nein, solche einfachen Wünsche werden einfach ignoriert. Nun gut, als erstes wollen wir natürlich zum Alkohol. Der ist allerdings unsinnigerweise nicht direkt am Eingang, sondern irgendwo im Supermarkt versteckt. Also vorbei am Obst und schon hat man einen schönen Beweis dafür, dass unsere Gesellschaft aus den Fugen geraten ist und das richtige Mass dabei verloren ging: Warum gibt es hier mindestens 8 verschiedene Sorten Äpfel (Golden Delicious, Gala, Boskop, Elstar, Pink Lady – die spinnen doch – Granny Smith, Braeburn, Santa Maria)? Nun ja, die haben halt verschiedene Geschmacksrichtungen, werden nun einige Apfel-Fans antworten. Dazu nur soviel: Wenn es nach mir ginge, gäbe es nur eine Geschmacksrichtung für Äpfel: nämlich „Apfel“. Als nächstes kommen wir am Essig vorbei (weisse Trauben, rote Trauben, Walnuss, Kräuter, 7 Kräuter, Apfel, Sherry, Zitrone, Limone, Basilikum, Heidelbeere, Rhabarber) und an der Amerika-Ecke. Es muss so 1995 gewesen sein, als irgendein Marketingdepp die Idee hatte, dass eine Ecke, in der man nur spezielle amerikanische Produkte kaufen kann, den Absatz fördern würde. Seitdem hat jeder Supermarkt, der auf sich hält, eine Amerika-Ecke, in der man Peanut-Butter (igitt), Campells Tomato Soup (gähn), Cheddar aus der Tube (wie praktisch) und Tortillia Chips für 3,90 € kaufen kann. Marketing-Depp: Wir hassen Dich!

 

Endlich kommen wir am Alkohol-Regal an. Achtung, hier ist höchste Vorsicht geboten! Denn auch wenn bei oberflächlicher Betrachtung alle Flaschen ähnlich sind, gibt es gehörige Unterschiede. Gute und von uns empfohlene Getränke sind (vom guten Augustiner Bier mal abgesehen): Schwarze Weizen Frühstückskorn, Jagdlikör „Flintenstolz“ oder Scharlachburger Meisterbitter, falls es mal gesund zu gehen soll auch Dr. Demuth’s Pepsinwein oder der gute alte Cattlenburger Clostertrunk (stehen neben Klosterfrau Melissengeist). Auf keinen Fall bitten wir, folgende Produkte zu kaufen: Alkopops (ja, alle!), Grossmutters Schokogeheimnis (bitte melden, wer dabei nicht an Windeln denken muss), Testarossa („Himbersaft mit einer Note Himbeergeist“) oder die braunen Flaschen mit den auf vergilbt gemachten Etiketten mit viel Gold (Old Canada, Attaché, Veterano, Dujardin Imperial, Chantré Cuvillée), denn – auch wenn uns die Namen Stil und hohes gesellschaftliches Ansehen vorgaukeln – Branntwein trinken nur Penner!

 

Was ist neben Saufen das liebste Hobby der Shredder-Redakteure? Backen, natürlich! Also, nachdem wir den Einkaufswagen mit Schnapps vollgeladen haben, ab in Richtung Backwaren. Juchee! Leider macht man auf dem Weg dorthin die Bekanntschaft mit einer weiteren höchst unangenehmen Erscheinung in Supermärkten: Leute, die einem im Weg stehen. Das geht ganz einfach: Man suche sich die schmalste Stelle im Supermarkt, gehe zielstrebig darauf zu und bleibe dort einfach unvermittelt stehen, um dann mit saudummen Gesichtsausdruck etwa 2 Minuten nichts zu tun. Wenn ich eines hasse, sind es Leute die mir aus reiner Dummheit im Weg stehen! Besonders häufig tun dies zwei Arten Menschen. Erstens Rentner (im Wagen: Rotessa und Mildessa Kraut, eine Dose Königsberger Klöpse, 2 Kassler und das neue Heft „Dr. Norden“), denen ich wegen ihres fortgeschrittenen Alters bereit bin, zu verzeihen, und zweitens die schlimmere Gruppe: junge Mütter. Niemand kann einem mit einem solchen Selbstverständnis im Weg stehen wie junge Mütter (und nimmt dank Kinderwagen dabei so viel Platz weg). Die denken scheinbar, bloss weil sie ein Kind auf die Welt gebracht haben (Kunststück! Das Kind nach dem 9. Monat drinnen zu behalten, wäre eine Leistung, die mir Respekt abfordern würde.), können sie sich jetzt aufführen, wie sie wollen, und wenn man sie dann unflätig beschimpft, sehen sie dies nur wieder als einen Beweis für unsere ach so kinderfeindliche Gesellschaft. Weit gefehlt, ich habe nichts gegen Kinder, aber viel gegen Deppen. Besonders eng wird’s vor dem Süssigkeiten-Regal, wo sie gerade jede Menge Süssigkeiten (mit viel Milch) einkaufen – natürlich nicht für sich, sondern für die lieben Kleinen (jaja). Also an den Müttern vorbeigequetscht, werden wir endlich mit dem Anblick der Backwaren entschädigt und laden den Wagen mit Sahnesteif, Backlets („die essbare Backform“), Käsekuchen-Hilfe, Agatin & Gustin und Schokoletto („der erste Guss zum Streuseln“) voll. Ha, fast den Hefeteig-Garant vergessen – schnell in den Wagen damit!

 

Damit haben wir eigentlich alles und machen uns auf den langen, beschwerlichen Weg zur Kasse („Trail of Tears“). Ein „Möchten sie mal kosten?“, das von einer übermotivierten, weil vorher langzeitarbeitlosen Hausfrau oder einem hässlichen jungen Mann ohne Schulabschluss, dafür mit Polyester-Anzug in unsere Richtung geschleimt wird, reisst uns aus unseren finsteren Gedanken. Ein Probierstand lädt ein, ein Produkt, das sich schlecht verkauft (warum nur?), zu probieren. Hier finden sich Produkte wie „Sieben himmlische Weichkäse-Variationen“ (Classic, Hawaii, Mediterranéo, Griechisch, Fiesta Mexicana, Asia und Fitness) oder der „Siebenbürgener Kesselflitzer“. Während eine dicke Frau schon die vierte Portion „probiert“, antworten wir nur mit einem knappen „Verpiss Dich mit Deiner Scheisse, Du Arschloch!“ und gehen weiter – bis uns wieder jemand im Weg steht. Diesmal ist es ein junger Mann in Hanfkleidung mit kurzen Haaren nebst einem langen „Schwänzchen“, das links hinten seinen Ursprung hat, und einem „4YOU“-Lederrucksack (im Wagen: 1 Apfel – wahrscheinlich „Pink Lady“, ein Riesen Fitnessbrot, ein Glass Natur-Artischockenpaste und Kippen). Dank der Körperbeherrschung eines Shaolin schaffen wir es, uns auch an diesem Studenten vorbei zu quetschen, nicht ohne ihm dabei „wie zufällig“ den Ellbogen in die Rippen zu hauen.

 

Unsere durch diese Gewalttat etwas gebesserte Laune wird prompt wieder verdorben, als uns eine Ansammlung von Produkten, die ein weiterer Beweis für die Verdorbenheit der Menschheit sind, ins Blickfeld kommt: die Fertigessen. Die Werbung gaukelt einem vor, dass die Schnellebigkeit unserer Zeit Produkte wie den Curryking (geschnittene Currywurst in rotem Matsch) oder Bratkatoffeln aus der Dose (ja, das gibt es wirklich) erfordern würde und tatsächlich findet man ein riesiges Repertoire dieser Scheisse in jedem Supermarkt. Es kommt noch schlimmer: Kassler Braten „Hausgemacht“ (ich stehe ja mehr auf Essen, das Open Air zubereitet wird…), Bistrosalat „Spargel/Schinken“ oder „Toast Hawaii“, der berühmte Frikadellen-Star oder lieber eine Packung Kohlkönig gefällig? Im Tiefkühler herrscht ähnliche Tristesse: Gyrospfanne „Gyros satt!“, Hühnerfrikasse (was ist das eigentlich?) und Rührei-Brot beherrschen das traurige Bild.

 

Schnell weg hier und hin zu einigen interessanten Fakten rund um den Supermarkt… Allgemeinwissen „Supermärkte“: Wusstet Ihr schon, dass Supermärkte immer gegen den Uhrzeigersinn organisiert sind? Günstige Produkte sind übrigens schwerer zu erreichen als teure und im Online-Shopping liegt ja die Zukunft! Früher hingegen gab es gar keine Supermärkte, sondern sogenannte „Tante Emma-Läden“. Beim Weitergehen ertappen wir den bereits erwähnten Studenten bei einer klassischen Supermarkt-Aktion. Dieser stellt sich bei der Betrachtung eines Glases „Balkan-Salat“ ungeschickt an, so dass dieses Glas in Scherben auf dem Boden endet. Nun der Klassiker: Ein verschämter Blick über die Schulter überprüft, ob er gesehen wurde. Dann schiebt er den Balkan-Scherben-Salat mit dem Fuss auf Alibi ein wenig zusammen, um dann mit gespielter Gleichgültigkeit den Ort des Geschehens zu verlassen. Unser Tipp an die Leser: Besonders Spass macht diese Aktion mit Kirschgrütze „Cherry-Dream“ und Pastatraum „Bolognese“!

 

Die Kasse ist nun fast erreicht, nur eine Hürde gibt es noch zu nehmen: die Drogerie-Abteilung. Hier gibt es mit Abstand die grösste Scheisse zu kaufen. Alles ist nämlich neuerdings mit der in einer findigen Marketing-Abteilung ersonnen „Kraft des Aktiv-Sauerstoff“ oder kurz „Oxy-Energie“ versetzt! Die bemitleidenswerten Menschen, die so etwas kaufen, sind die selben die auch Angst vor Gefrierbrand, Glas-Korrosion, Lochfrass oder der Rechtschreibreform haben, immer eine dicke Rolle Küchentücher „Dick und Durstig“ zur Hand haben und an Dinge wie „Byzantiner Königsnüsse“ oder die „Carmagnola-Minze“ glauben. Um diese Menschen (man kann sie recht gut am gebückten Gang und dem nervösen Funkeln in den Augen erkennen), sowie um die ganze Drogerie-Abteilung macht man nach Möglichkeit einen Riesenbogen.

 

Endlich kommen wir an der Kasse an und müssen mit Freude feststellen, dass in der Schlange vor uns nur vier Leute stehen. Die Wartezeit verbringen wir mit der Analyse der Sachen, die diese einkaufen: Als erstes in der Reihe steht ein Rollerblader (der natürlich mit Rollerblades einkaufen geht) mit dem neuesten Fotohandy in der Hand, einer modischen 3/4tel Hose und moderner Fun-Frisur, der scheinbar für eine Non-Alkohol-Fitness-Party mit ein paar anderen Arschlöcher eingekauft hat: Neben diversen Flaschen Saft fällt uns vor allem eine Flasche „Frühschlückchen“ und die gute „Aloé Colada“ von Frankenbrunnen ins Auge. An Platz zwei steht eine alte Bekannte: die Dicke vom Probierstand, die sich gerade ordentlich selbst bescheisst (belädt das Band gerade mit einer Kombination aus ätzenden Lightprodukten und Fleischsalat). Dahinter steht ein Proll „Typ Versicherungsvertreter“ mit Boss-Jeans, lila Hemd, Lederslipper (mit Bommel) und Fönfrisur „Matula“, dessen Pläne leicht zu durchschauen sind (im Wagen: drei Flaschen Asti Spumante, ein Packung „Trüffelkreation Edle Mischung“, die Supersonderangebot-CD „Love Feelings“ von der Kasse, ein Raumdeo „Emotion“, eine Packung Kondome mit Noppen und eine Packung Kleenex). Die grösste Freude erregt allerdings der Herr direkt vor uns, der – schnell als Nachbar identifiziert – nachdem er lediglich eine Bratensülze und die neue Coupé mit sich trägt, sofort in ein Gespräch mit Thema „Die letzten Einkäufe vor den Feiertagen“ verwickelt wird. Nur vier Leute vor einem, hatte man sich gefreut, doch wir haben die Rechnung ohne die Kassiererin, die (dem Stereotyp vollstens gerecht werdend) hässlich und langsam ist. Der grösste Teil der Wartezeit vergeht mit ihrem Kampf mit dem Etikett des siebten von acht identischen Light-Joghurts der Dicken. Dazu nervt sie mit penetrantem dämlichem Geschwätz. Kassiererinnen der Welt: Maul halten und schnell Kassieren ist die Devise!

 

Nach etwa 2 Jahren Warten sind endlich wir an der Reihe. Auf die Fragen „Sammeln Sie Punkte auf Ihrer Bonuskarte?“ (Welche Bonuskarte?) und „Brauchen Sie einen Kassenzettel?“ antworten wir mit der bereits am Probierstand bewährten Floskel, zahlen mit einem 500 EUR-Schein und dann nichts wie raus! Aus eigener Erfahrung kann wohl jeder sagen: Einkaufen ist beschissen! Auch wenn einem zwischendurch diverse Spässchen á la Student-in-die-Rippen-boxen oder Flasche-Bier-exen-und-wieder-leer-ins-Regal-stellen gelingen, auf Dauer gesehen macht einkaufen relativ wenig bis gar keinen Spass. Es wird einfach immer anstrengender, sich gegen den von Marketingdeppen, Kauf-Psychologen und Supermarkt-Architekten kalkulierten Konsum zu wehren. An jeder Ecke stapeln sich die größten Drecksprodukte und man wird von Sprüchen wie „Aus der TV-Werbung“ oder „Kauf eins – nimm 5!“ überhäuft. Das ist doch scheisse! Deswegen nehmt unseren guten Rat: geht nie wieder einkaufen! Wir ernähren uns übrigens seit dem letzten Einkauf von unserem selbst angepflanzetem Gemüse, trinken selbst gebrannten Schnaps und gehen ab und zu auf die Jagd. Man glaubt´s kaum, im Englischen Garten gibt’s noch das eine oder andere Karnickel…

 

Euer Shredder Mag