Shredder Mag - Deutschpunk Special

Nichts gegen Dosenbier, Ratte und weitere Punker-Insignien, aber wir haben das Jahr 2017 und sogar Deutschpunk darf sich weiterentwicklen. Darum im folgenden drei Reviews von Bands, die deutsch singen, den Staat scheisse finden und trotzdem für heimliche Tankard-Fans unhöhrbar sind:

 

Illegale Farben – s/t (Rookie)

Illegale Farben_shreddermag

Wir haben es hier quasi mit einer Reunion zu tun, zwei alte Kumpel mit Hardcore-Band in vergangenen Tagen treffen wieder aufeinander, stocken die Band auf und probieren’s mal deutlich ruhiger. Ein solider Hardcore-Hintergrund hat ja schon mancher leiserer Band die Peinlichkeit genommen und auch das Debüt der Illegalen Farben (Aubergine? Mauve? Beige? Wir rätseln.) fällt nicht in den Verdacht Pop zu sein, obwohl mal jedes Wort gut verstehen kann. Und leise ist man auch nicht. Phantastische Texte über nicht-aufgegangene Träume vom Ausbruch und den Versuch, totzdem weiterzugehen und ausgezeichnetes Songwriting! Einziger Kritikpunkt: Das mechanische 80iger-Drumming und der viele Hall auf den Gitarren sind zwar beliebt (die Ox! hätte jetzt schon 10x das Wort „post“ fallen lassen), aber auf Dauer ein bisschen monoton. Kracht live aber bestimmt, da habe ich keine Sorge. Darum volle Empfehlung!

 

 

Disco//Oslo – Tyke (Kidnap)

DiscoOslo_Tyke_shreddermagTempo hoch, immer noch ausgezeichnete Songs mit großartigen Text, etwas klassischer arrangiert, Disco//Oslo tritt einem doch etwas direkter in den Arsch. Sehr guter Sänger, ich mag die Stimme und der schreit aus voller Kehle gegen alle Dinge an, die einem das Atmen schwer machen oder einfach falsch laufen. Z.B. im Hit „Bis zum Hals“, über die Tatsache, dass es immer noch beschissener werden kann,  in „Trend“ über Selfies-Freunde oder über weissen Rauschen im Gepäck in „Skambule“. Immer flottes Tempo, immer mit Leidenschaft und immer nachvollziehbar, richtig und sympatisch. Von den Burschen hören wir hoffentlich noch viel mehr!

 

 

 

 

Love A – Nichts Ist Neu (Rookie)

LoveA_NichtsIstNeu_shreddermagLove A machen einfach nochmal ihre ganz eigene Schublade auf. Was auf den ersten Mal im positiven Sinne nach Hamburger Schule klingt (allerdings, wieder der viele Hall auf den Gitarren…egal), ist nach dem 10x hören doch was ganz eigenes. Warum? Ich glaube, es liegt am großartigen, eigenen und vielseitigen Gesang des Sängers, das ist einfach keine Pop-Stimme, da schwingt dieser Irrsinn mit, der auch in den Texten immer wieder an die Oberfläche kommt. Statements, die in AfD-Deutschland fällig, aber nie zu plakativ sind, wie gesagt 10x hören schadet nicht. Warum allerdings in „Monaco“ der oide Monaco Franze gefeaturet wird? Dürfen die das, hehe? Checkt „War klar“ und „Treeps“, das sollte überzeugen und freut Euch nachher auf den ganzen Rest dieser Platte. Ausgezeichnet!

Broilers (Sporthalle, 16.3.2017)

Hach, auf die Broilers ist live einfach Verlass. Die letzten Jahre haben wir sie uns in den verschiedensten Locations angeschaut und immer war es ein Fest. So auch heute Abend. Die Sporthalle ist ja nicht gerade bekannt für guten Sound und coole Atmosphäre, doch die Broilers zeigten sich davon herzlich wenig beeindruckt und lieferten vor über 10.000 (!) gröhlenden Menschen eine beeindruckende Profi-Show ab. Und ja, es war mega voll. Und ja, Konzerte in großen Hallen sind meistens scheiße. Und ja, bedruckte Plastikbecher im Band-Design hat man eigentlich nur AC/DC. Und ja, vor uns stand der rumpöbelnde Bobybuilding-Verein „Zum lustigen Bizeps“. Aber: Egal! Es war großartig. Super Stimmung, super Hits, super Alles. Immer wieder gerne. (Ach ja, die Tiger Army hat auch gespielt. Davon haben wir leider nur noch den Schluß mitbekommen – zum Glück konnten wir sie vor Kurzem auf der Clubtour bewundern, da passen die auch besser hin.)

 

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Tiger Army (LOGO, 8.4.2017)

Die Tiger Army hatte uns vor ein paar Wochen ja leider erneut im Regen stehen lassen, also versuchten wir unser Glück noch einmal. Und um es kurz zu machen: Es war großartig und der Ärger vom letzten Mal schnell vergessen. Nach einer kleinen Aufwärmphase lief es richtig rund im Maschinenraum und ein motivierter und spielfreudiger Nick 13 zeigte sich von seiner besten Seite. Schön zu sehen wie nach jedem Lied das Styling und MakeUp Stück für Stück versagte, die Frisur zusammenfiel und und der Schweiß die Oberhand gewann. Zwischendrin gab es sogar die Möglichkeit für ein paar anstrengend schauende Menschen aus dem Publikum zu tanzen und ein bisschen zu rempeln. Wir hingegen waren im Rentner-Modus, tranken entspannt unser Bier und feierten den Mondschein-Heul-Gesang, der live erstaunlicher Weise sehr gut funktionierte und sich voll entfalten konnte. Das lag vermutlich auch an der Location, denn das LOGO ist ja nicht allzu groß und schnell vollgeheult. Ein Saal mit drei Meter Deckenhöhe ist ja quasi wie beim Nick 13 zu Hause in der Fledermaushöhle und im Grunde ein Heimspiel. Nun gut, am Ende fuhren wir vollkommen zufrieden nach Hause, obwohl wir uns heimlich noch mehr Songs aus der „Power Of Moonlite“-Ära gewünscht hätten. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, das präsentierte Best Of der letzten fünf Alben war vollkommen überzeugend. Eins, zwei, drei – Tiger Army Never Die!

 

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Cyanide Pills – Sliced and Diced (Damaged Goods)

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Die Buzzcocks sind tot, die Briefs sind tot. Egal, es leben die Cyanide Pills! Die Rotzbengel aus dem Land der Plastiksonnenbrillen und tighten Lederjacken haben mich bereits auf dem Vorgänger “Still Bored“ überzeugt – jetzt kommt Album Nr. 3 und wieder gibt’s nichts daran auszusetzen. Mit Leichtigkeit kombinieren sie hier Uptempo-77er-Punkrock mit gefälligen Pop-Elementen, ohne dabei jedoch an Biss zu verlieren oder in Belanglosigkeit abzurutschen. Der prägnante Gesang, der an einen aufmüpfigen und quängeligen Teenager erinnert, tut sein Übriges und verleiht dem Ganzen noch ein Wenig mehr Eigenständigkeit. Einziger Wermutstropfen: In ein bis zwei Songs wird mir zu sehr Richtung in Status Quo geschielt – das muss ja nicht sein – aber bei insgesamt 18 Tracks kann man leichte Ausfällle schon verkraften und sich direkt wieder auf das nächste Album freuen!

Owls By Nature – The Great Divide (Gunner)

Owls By Nature - The Great Divide_shreddermag

Der super Harmonie-Tipp aus Kanada: Owls By Nature legen auf Ihrem neuen Album 8 Country-Rock Knaller hin, da wird’s einem warm um’s Herz. Klingen ein bisschen wie Mumford&Sons nur ohne die Scheiss-Ukulele und mehr Missisippi statt Hobbingen und nicht so kitschig. Hm, Moment, nein, klingen garnicht wie Mumford&Sons, Entschuldigung. Drive By Truckers? Schon eher. Ehrlich und direkt, mit Wahnsinns-Melodien, aber ohne zu dick aufzutragen. Auschecken und auf Tour anschauen, solange die noch nicht in großen Hallen spielen!

Antilopen Gang – Anarchie und Alltag

Die Tierfreunde aus Nordrhein-Westfalen warten auf ihrem neuen Album mit bewährtem Dosenbier-Anarcho-HipHop auf. Wer sich einen schnellen Überblick verschaffen möchtet, zieht sich hier das Snippet rein. Ironie meets Chickenwings und Pommes. Aber Moment mal, höchstwahrscheinlich noch viel besser als das eigentliche Album selber: das Punkrock-Bonusalbum „Atombombe auf Deutschland“, das es zum regulären Album gratis dazu gibt. Keine Ahnung wie die Jungs das angestellt haben, aber hochkarätiger können die Gastsänger nicht sein: MC Motherfucker von der Terrorgruppe, Monchi von Feine Sahne Fischfilet, Bela B., Jan Windmeier von Turbostaat, Peter Hein von den Fehlfarben, Slime-Sänger Dirk, irgendjemand von der Knochenfabrik, der Donot-Ingo & der Donot-Guido, die Kassierer Ober-Assel Wölfi, usw. Das ist großartig und wer hätte gedacht, daß bereits im Januar der beste Deutschpunk-Albumtitel überhaupt für ganz 2017 erscheint? Ein Prosit auf die Antilopen Gang!

 

WIZO (Große Freiheit, 16.11.2016)

Spätzle und Gewalt! Dieser Abend war großartig: „Das goldene Stück Scheiße!“, „Die letzte Sau“, „Kein Gerede“ – nur Hits! WIZO in Höchstform. Dazu eine gehörige Portion Antifa-Propaganda und ein paar neue Songs die nicht genervt haben. Bis auf das eine oder andere verhaspelte Solo eine astreine Deutschpunk-Profi-Performance. Bis zum nächsten Mal!

 

WIZO_GroßeFreiheit_ShredderMag

Tiger Army, Blue Rockin’ (LOGO, 26.11.2017) – ABGESAGT –

Nick13_krank_ShredderMag

Nachdem die letzte Tour 2007 aus krankheitlichen Gründen abgesagt wurde, freuten wir uns umso mehr auf die Show heute Abend. Doch zwei Schritte hinter dem Eingang grinste uns bereits ein fettes Hinweisplakat an: Show aus krankheitlichen Gründen abgesagt. Der kleine Nick 13 liegt also mit Wärmflasche im Bett und wir haben a.) einen total enttäuschenden Abend vor uns und b.) die verdammte Tiger Army immer noch nicht live gesehen. Mann!

 

Mittlerweile erreichte uns über Facebook diese Information hier: „Tiger Army has played over 80 shows around the world this year, with the first cancellation due to illness last night in Hamburg – it’s winter in Europe, shit happens!“

 

Lieber Nick 13, das nächste Mal bitte die dicken Winterstiefel einpacken und nicht immer nur die leichten Hawaii-Hemden. Gute Besserung an dieser Stelle und Mann – so eine Kacke.

Petrol Girls – Talk of Violence (via Bandcamp)

Seit gestern auf dem Markt: Das Debut-Album der Petrol Girls. Wütender Feministen-Post-Hardcore from South East London, you know? Unbedingt auschecken! Hat uns vom Fleck weg überzeugt:

 

Get Dead – Honesty Lives Elsewhere (Fat Wreck)

Get Dead - Honesty Lives Elsewhere_shreddermagEndlich ein neues komplettes Album von Get Dead aus San Francisco. Der Vorgänger „Bad News“ war schonmal eine Ansage in Sachen Punk mit Country/Folk-Anleihen, der nicht nervt (eine eher schmale Kategorie) und auf „Honesty Lives Elsewhere“ wird diese Line konsequent weiterverfolgt. Dafür brauchen Get Dead keine aufwändige Produktion, ein paar gute Songs und ein Sänger, der in jedem Takt alles gibt, reichen. Vom straight hingerotzten Punk-Opener „Slience“ bis zur (satanseidank nicht kitschigen) Akustiknummer „Ordance“ alles dabei. Live übrigens auch sehr geil!